Der Superlativ der Spitzenklasse
"Jekyll & Hyde" feierte Premiere - Ein neues Leben im Musical Dome Köln

Am 16.03.2003 war es endlich soweit: Nach Monaten des Umbaus und der Proben, erklangen am Abend die ersten Töne der Ouvertüre des Wildhorn-Musicals "Jekyll & Hyde" - Ein neues Leben im Musical Dome!

Ungewöhnlich hoch waren und sind die Erwartungen der Zuschauer und Beteiligten der Produktion. Durch die bereits vor wenigen Jahren in Bremen und zur Zeit in Wien laufenden Inszenierungen, wurde mit dem Musical bereits vor der Kölner Premiere ein sehr hohes Maß an Perfektion, Unterhaltung und Intellektualität verbunden.


Yngve Gasoy-Romdal als "Hyde" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Schon früh trafen die Produzenten Thomas Krauth und Michael Brenner die erste richtige Entscheidung, indem sie auf die erfolgreiche Inszenierung des Opern- und Schauspiel-Regisseurs Dietrich Hilsdorf setzten. Hilsdorf wurde bereits 1999 angesichts seiner Bremer Inszenierung von "Jekyll & Hyde" als "bester Musical-Regisseur" ausgezeichnet und schaffte es, die "fantastischen Räume" des Bühnenbildners Johannes Leiacker und das musikalische Arrangement von Jason Howland und Koen Schoots auf der Bühne zu einem Gesamtkunstwerk zu verschmelzen.


Yngve Gasoy-Romdal als "Jekyll" und Nicole Seeger als "Lisa" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Seine Umsetzung scheint hierbei von Produktion zu Produktion zu reifen. Lenkten in Bremen noch manche szenische Fußnoten vom eigentlichen Plot ab (z. B. die überdimensionalen anatomischen Köpfe, das Mayfair-Portal, die Leucht-Schlingen), wirkt die Kölner Inszenierung aufgeräumt und eingängig, allerdings auch eindeutiger und härter als alle bisherigen Fassungen. So verspeist "Hyde" zum Beispiel das vor der "Roten Ratte" ausgerissene Auge und lässt beim "Gefährlichen Spiel" keinen Zweifel am lustvollen Koitus zwischen Lucy und Hyde aufkommen.

Die technischen Abteilungen des Musical Dome erbringen bei "Jekyll & Hyde" Höchstleistungen. Neben der aufwändigen Bühnentechnik ist hierbei besonders die Tontechnik hervorzuheben. Aus dem modernen Surround-System zaubern die Techniker alles, was dem Zuschauer bei seinem Erlebnis unterstützt, sich tief in die Geschichte fallen zu lassen. Die umschmeichelnden Harmonien Frank Wildhorns, die hervorragend abgemischt und in exakt der richtigen Lautstärke wie warme Wellen das Auditorium umspülen, helfen dabei genauso wie optimal auf die Handlung abgestimmte, fast schon brutal eingesetzte Geräusche.


Das Kölner Ensemble bei "Schafft die Männer ran" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Der Rahmen für ein unvergessliches Musical-Erlebnis ist gesichert, das zentrale Element sind und bleiben aber die Darstellerinnen und Darsteller. Und auch hier greifen die Produzenten einen vollen, wohlklingenden Akkord. Eine gelungene Mischung aus bereits aus Bremen in ihren Rollen etablierten Darstellern, z. B. Nicole Seeger als "Lisa" und Brigitte Oelke als "Nellie" und Neuverpflichtungen wie Anna Montanaro als "Lucy" und Yngve Gasoy-Romdal als "Jekyll / Hyde" gewährleisten Authentizität und neue Impulse.

So darf das Publikum durch die äußerst attraktiv und in ihrer Rolle lasziv wirkende Anna Montanaro eine neue Interpretation der "Lucy" bewundern. Sie spielt keine gebrochene Frau, sondern eine selbstbewusste Hure, die sich auch gegen "Spider" und "Hyde" zur Wehr setzen kann. Ihre Zusammenkünfte mit dem zweiten Ich des "Dr. Jekyll" - bei anderen Darstellerinnen nicht selten als Vergewaltigungen interpretiert - lassen durchaus ihr latentes Verlangen nach diesem scheinbaren Abenteuer erkennen. Sehr beeindruckend sind Anna Montanaros Choreographietreue in Ensembleszenen und ihre tänzerische, körperbetonte Ausdruckskraft bei Soli und Duetten. Dass man stimmlich von Anna Montanaro, die als eine von ganz wenigen deutschen Musicaldarstellerinnen bereits am Broadway gespielt hat, nicht enttäuscht werden kann, muss eigentlich nicht gesondert betont werden, aber auch hier übertrifft sie bereits hoch gesteckte Erwartungen.


Yngve Gasoy-Romdal als "Jekyll" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Ebenso Yngve Gasoy-Romdal, der auch die gesanglich schwierigsten Parts des Abends scheinbar ohne erhebliche Anstrengungen grandios erfüllt. Auch wenn sein norwegischer Akzent an manchen wenigen Stellen zu erahnen ist, sind bei Yngve Gasoy-Romdal wie auch allen anderen Künstlern die gesprochenen und gesungenen Texte außergewöhnlich gut verständlich. Als "Dr. Jekyll" interpretiert der ehemalige "Mozart" seine Doppelrolle eher zurückhaltend, aber keinesfalls blass, um den Gegensatz zum brutalen, ungehemmten "Edward Hyde" noch extremer zu gestalten. Als "Hyde" verliert Yngve Gasoy-Romdal scheinbar sämtliche Hemmungen, schleudert "Lucy" meterweit durch die Luft und verprügelt den pädophilen Bischof solange mit dem Gehstock, bis dieser zerbricht. Gestik und Mimik, die bis in die letzte Reihe des Auditoriums wirkt und die Spannung des Stücks auf das Publikum überträgt.

Nicole Seeger, die die "Lisa" bereits in Bremen sehr überzeugend gespielt hat, überrascht mit einer veränderten, die Glaubwürdigkeit ihrer Rolle um Einiges verbessernden, Interpretation. Auch ihre "Lisa" hat an Selbstbewusstsein gewonnen und steht ihrem Verlobten nicht mehr nur in der Rolle der unterlegenen Bald-Ehefrau gegenüber, sondern zeigt ihm seine Vernachlässigungen auf. Auch dem aufdringlichen "Simon Stride" ist sie nicht mehr schutzlos ausgesetzt, ohne dabei ihrem ansonsten sehr einfühlsamen Spiel und ihrer äußerst angenehmen Stimme zu schaden. Durch die gleichzeitigen Veränderungen der weiblichen Hauptrollen, treten die inhaltlichen Parallelen zwischen "Lucy" und "Lisa" sowie "Simon Stride" und "Spider" weiter in den Vordergrund. Ein sehr angenehmer Nebeneffekt, der die inhaltliche Tiefe des Stoffs noch besser verdeutlicht.


Yngve Gasoy-Romdal als "Hyde" und Anna Montanaro als "Lucy" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Die sehr positiven Kritiken der drei genannten Hauptdarsteller können auf das gesamte Ensemble übertragen werden. Egal, ob Brigitte Oelke als "Nellie", Tom Zahner als "Poole", Alex Friese als "Spider" oder Hans Holzbecher als "Utterson", alle Rollen sind sehr detailliert ausgearbeitet, gut voneinander abgegrenzt und werden sehr überzeugend dargeboten. Die Ensembleszenen bestechen zudem durch eine choreographische und musikalische Harmonie, die das hohe Niveau dieser Produktion unterstreicht.

Angesichts der hervorragenden Leistungen der aktuellen Kölner Cast, ihrem Können, aus dem Musical der Spitzenklasse den Superlativ zu machen, wird der Ruf nach einer - endlich vollends zufriedenstellenden - deutschsprachigen Gesamtaufnahme von "Jekyll & Hyde" sicherlich bald aufkommen. Bislang ist seitens der Produzenten jedoch noch keine CD-Einspielung vorgesehen.


Nicole Seeger als "Lisa" und Anna Montanaro als "Lucy" (Foto: Brinkhoff / Mögenburg)

Das Live-Erlebnis könnte eine solche CD - fast muss man sagen "zum Glück" - nicht konservieren. Gerade bei "Jekyll & Hyde", wo mittels einer wechselnden Lichtstimmung, einer veränderten Körperhaltung und leicht verstellter Stimme von "Gut" zu "Böse" gewechselt wird, wo der unter dem Stuhl in Lucys Zimmer sitzende Teddy zum immer beklemmenderen Gefühl beim Zuschauer beiträgt und die feinen Damen und Herren der Gesellschaft an die kleinen und großen Sünden eines jeden Einzelnen erinnern, wird jeder Zuschauer metaphysisch von seinem Platz abgeholt, um einen tiefen Blick in sich selbst zu werfen.

Das ist Theatererlebnis pur - direkt neben dem Kölner Dom.

(Marco Reuschel, MrMusical, 17.03.2003)